Zimmer XXXV · Das Schuhkabinett

Die Legenden der Schuhe

Manche Schuhe haben Geschichte geschrieben: auf Bühnen, Laufstegen, Baustellen und in Gerichtssälen. Dieses Kabinett zeigt zehn von ihnen in gezeichneten Vitrinen. Und weil dies das Haus der Füsse ist, hängt in jeder Vitrine eine zweite Tafel mit der Frage, die sonst niemand stellt: Und die Füsse?

Zehn Vitrinen · bitte treten Sie näher
Vitrine I · 1832
Der Spitzenschuh
Paris, 1832

Der Schuh, der das Schweben erfand

Als Marie Taglioni 1832 in «La Sylphide» über die Bühne der Pariser Oper schwebte, machte sie den Tanz auf der Spitze zur Kunstform. Ihr Schuh war kaum mehr als Seide und Watte; die harte Box und die steife Sohle kamen erst später. Bis heute wird jeder Spitzenschuh von Hand gefertigt, und Tänzerinnen verbrauchen davon je nach Haus mehrere Paare pro Woche.

Und die Füsse?

Auf der Spitze trägt eine Fläche von wenigen Quadratzentimetern das ganze Körpergewicht, allen voran die erste und zweite Zehe. Blasen, blaue Nägel und Schwielen gehören zum Preis dieser Kunst, ihre Pflege auch.

Das Ballett des Hauses Die Blase Schwarzer Zehennagel
Vitrine II · um 1954
Der Stiletto
Paris, um 1954

Die Nadel, die zur Waffe der Eleganz wurde

Der Absatz, dünn wie ein Dolch, wurde erst möglich, als ein Stahlstift ins Holz einzog. Als sein Meister gilt Roger Vivier, der Schuhmacher im Hause Dior, der den «Aiguille» Anfang der Fünfzigerjahre zur Ikone schliff, auch wenn sich mehrere Zeitgenossen um die Erfindung streiten. Sicher ist: Kein Schuh hat die Silhouette eines Jahrhunderts stärker geprägt.

Und die Füsse?

Je höher der Absatz, desto mehr Last wandert auf den Vorfuss, die Wade verkürzt ihre Arbeitslänge, und die Zehen geraten in die Spitze. Wer Stilettos liebt, sollte sie dosieren wie guten Wein, und den Füssen Gegentage gönnen.

Hallux valgus Morton-Neurom Das Hühnerauge
Vitrine III · 1936
Der Keilabsatz
Florenz, 1936

Der Absatz aus der Not

Als Sanktionen Mitte der Dreissigerjahre den Stahl für Absätze knapp machten, schichtete Salvatore Ferragamo in Florenz kurzerhand Kork: Der Keilabsatz war geboren, 1938 gekrönt von der regenbogenfarbenen Plateausandale für Judy Garland. Eine Erfindung aus dem Mangel, die bis heute in jedem Sommer wiederkehrt.

Und die Füsse?

Der Keil verteilt die Last flächiger als die Nadel, das ist sein podologisches Verdienst. Dafür macht er die Sohle steif: Das Abrollen übernimmt der Schuh, nicht der Fuss. Dem Gewölbe tut gelegentliche Barfussarbeit als Ausgleich gut.

Das Fussgewölbe Das Barfuss-Studio
Vitrine IV · 1992
Die rote Sohle
Paris, 1992

Die Sohle, die vor Gericht siegte

Der Legende des Hauses Louboutin nach fehlte einem Prototyp 1992 das gewisse Etwas, bis der Designer kurzerhand zum roten Nagellack einer Mitarbeiterin griff und die Sohle lackierte. Aus der Laune wurde ein Erkennungszeichen, und aus dem Erkennungszeichen ein Rechtsfall: 2018 bestätigte der Europäische Gerichtshof, dass dieses Rot auf dieser Sohle als Marke geschützt werden kann.

Und die Füsse?

Unter der berühmtesten Sohle der Welt gelten die Gesetze jedes hohen Absatzes: Vorfusslast, enge Spitze, kurze Tragedauer als beste Pflege. Eleganz und Fussgesundheit vertragen sich, wenn man ihnen ein Nacheinander gönnt.

Hornhaut & Schwielen Fersensporn und Plantarfasziitis
Vitrine V · um 1917
Der Sneaker
USA, um 1917

Der Schuh, der sich anschleicht

Als Gummisohlen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Schritte leise machten, tauften Werbeleute die neuen Turnschuhe «Sneaker», die Schleicher. Vom Basketballplatz wanderten sie in ein Jahrhundert Alltagskultur, und heute verlassen die meisten Füsse das Haus in einer gedämpften Sohle.

Und die Füsse?

Dämpfung ist ein Komfortversprechen, kein Freibrief: Was der Schuh federt, muss der Fuss nicht mehr selbst leisten, und unbeschäftigte Muskulatur wird bequem. Die Mischung macht es, weiche Kilometer und barfusse Minuten.

Das Gangbild Das Barfuss-Studio
Vitrine VI · 1963
Die Fussbett-Sandale
Deutschland, 1963

Die Sandale mit dem Abdruck

Die Familie Birkenstock, als Schuhmacher seit 1774 verbürgt, formte schon um die Jahrhundertwende biegsame Einlagen und nannte die Idee «Fussbett»: eine Sohle, die dem Fuss nachgeformt ist statt umgekehrt. 1963 wurde daraus eine Sandale, die erst Orthopädie-Kundschaft, dann die halbe Welt eroberte.

Und die Füsse?

Das geformte Bett verteilt Druck angenehm, und offene Luft tut der Haut gut. Ehrlich bleibt: Stütze ersetzt keine Kraft. Ein gesundes Gewölbe will neben allem Komfort auch gefordert werden.

Das Fussgewölbe Der Schuh-Berater
Vitrine VII · 1.4.1960
Der 1460er Stiefel
München und Northampton, 1945 bis 1960

Der Stiefel mit dem Geburtsdatum

Nach einem Skiunfall 1945 erfand der Münchner Arzt Klaus Maertens eine luftgepolsterte Sohle, weil ihm die harten Stiefel seiner Zeit weh taten. Eine englische Schuhmacherei erwarb die Lizenz, und am 1. April 1960 lief das erste Paar vom Band: der «1460», benannt schlicht nach seinem Geburtstag. Vom Arbeiterstiefel wurde er zur Uniform ganzer Jugendkulturen.

Und die Füsse?

Ein Stiefel mit Halt, Luftpolster und hoher Zehenbox ist podologisch ein Freund, sofern er passt und eingetragen wird, ehe er auf grosse Fahrt geht. Die berühmte Einlaufzeit des 1460ers hat schon manche Blase gezüchtet.

Die Blase Der Schuh-Berater
Vitrine VIII · Mahnmal
Der Lotusschuh
China, bis 1912

Der kleinste Schuh, die schwerste Vitrine

Diese bestickten Seidenschuhe, oft kürzer als eine Handfläche, stehen hier nicht als Schönheit, sondern als Mahnung: Über Jahrhunderte wurden Mädchenfüsse gebunden, um einem Ideal zu genügen, bis die Republik das Füssebinden 1912 verbot. Das Kabinett zeigt ihn in Stille und verneigt sich vor den Frauen, die darin gehen mussten.

Und die Füsse?

Die Lehre dieser Vitrine trägt das ganze Haus: Der Fuss ist kein Rohstoff für Ideale. Jede Mode, die Füsse dauerhaft verformen will, hat die Geschichte gegen sich.

Der Atlas der Fussformen Das Manifest des Hauses
Vitrine IX · Der Beruf
Die Füsse im Rampenlicht
Studios weltweit, bis heute

Die Vitrine ohne Schuh

Es gibt Menschen, deren Füsse einen Beruf haben: Sie tragen in Kampagnen die Schuhe, die andere berühmt machen. Namen nennt dieses Haus keine, aus Respekt vor den Menschen hinter den Füssen. Aber eines verrät das Kabinett gern: Diese Füsse werden gehegt wie Konzertflügel, mit Pflege nach Plan, Schutz vor Druckstellen und regelmässiger fachlicher Wartung.

Und die Füsse?

Das Schönste an diesem Beruf: Seine Geheimnisse sind keine. Dieselbe Pflege, die Modelfüsse fotografierbar hält, steht in diesem Haus jedem Fuss offen, ganz ohne Kamera.

Ihr Pflege-Ritual Ihr erster Besuch
Vitrine X · 1697
Der gläserne Schuh
Paris, 1697

Der Schuh, der nur einer passt

Seit Charles Perrault das Aschenputtel 1697 mit einem gläsernen Pantoffel ausstattete, streiten Gelehrte, ob nicht Fehgepelz («vair») statt Glas («verre») gemeint war. Das Märchen hat sich entschieden, und wir uns auch: Kein Material erzählt schöner, worum es bei Schuhen wirklich geht. Der Prinz probierte nicht den Fuss in jeden Schuh, sondern suchte den Menschen, dem der Schuh gehört.

Und die Füsse?

Die Moral des ganzen Kabinetts, märchenfest seit dreihundert Jahren: Der Schuh hat dem Fuss zu passen. Niemals umgekehrt.

Der Schuh-Berater Das Mass-Atelier
Beim Verlassen des Kabinetts

Zehn Legenden, eine Wahrheit: Schuhe kommen und gehen, Füsse bleiben. Pflegen Sie das Original.