Zimmer XXXI · Die Bühne

Das Ballett

Das Opernhaus liegt einen Spaziergang von unserer Tür entfernt, also haben wir ihm ein Zimmer gebaut. Eine Tänzerin aus goldenen Linien tanzt fünf Akte, die Zeit wird in den entscheidenden Momenten langsam, und der Blick fährt dorthin, wo diese Kunst wirklich stattfindet: in den Fuss. Das Stück läuft von selbst, Sie dürfen sich zurücklehnen. Wer mag, hält es mit einem Fingertipp an.

Erster Akt
Plié · Das Einatmen
Läuft von selbst · fünf Akte · ein Fingertipp hält an
Der Belastungs-Blick

Das Programmheft

Fünf Akte, fünf Wahrheiten über den Fuss

Musik auf Wunsch: die Spieluhr des Hauses, frei nach P. I. Tschaikowski, «Schwanensee» (1876), gespielt von Ihrem Browser. Kein Band, keine Übertragung, nur Uhrwerk.

I

Plié · Das Einatmen

Die Knie beugen sich, die Fersen bleiben am Boden: Das Plié ist das Atemholen des Tanzes, jede Landung beginnt und endet hier.

Achillessehne und Wade arbeiten dabei wie Federn. Was hier geschmeidig bleibt, verzeiht später jeden Sprung.
II

Relevé · Auf die Spitze

Der Moment, für den das Publikum kommt: Der ganze Mensch erhebt sich auf die Fläche weniger Quadratzentimeter.

Getragen wird er dort vor allem von der ersten und zweiten Zehe. Blasen und blaue Nägel gehören zum Berufsalltag der Tänzerinnen, ihre Pflege auch.
III

Pirouette · Die Drehung

Der Körper wird zur Achse, der Vorfuss zum Lager: Auf ihm dreht sich alles, Umdrehung um Umdrehung.

Die Reibung quittiert die Haut, wie sie es immer tut: mit Schwielen. Kontrolliert gepflegt sind sie Arbeitszeugnis, kein Makel.
IV

Grand Jeté · Der Flug

Für einen Atemzug gehört die Tänzerin dem Himmel. Dann holt die Erde sie zurück, und ein Fuss fängt den ganzen Flug.

Bei der Landung wirkt für einen Augenblick ein Mehrfaches des Körpergewichts durch Vorfuss und Sprunggelenk. Das Fussgewölbe federt, was sonst die Gelenke träfe.
V

Révérence · Die Verbeugung

Der Dank ans Publikum, und danach der Dank an die Füsse: Bäder, Fett, Ruhe, der prüfende Blick.

Tänzerfüsse leisten Extremes und werden dafür gepflegt wie Instrumente. Ihre Füsse verdienen dieselbe Aufmerksamkeit, auch ohne Bühne.

Was der Tanz die Füsse lehrt

Kaum ein Beruf verlangt den Füssen mehr ab als der Tanz. Ein Spitzenschuh ist ein wunderbares Stück Handwerk, aber er verwandelt die Gesetze der Physik nicht: Auf der Spitze ruht das ganze Körpergewicht auf wenigen Quadratzentimetern, bei Sprüngen wird es für Augenblicke ein Mehrfaches davon. Tänzerinnen und Tänzer wissen deshalb, was viele erst lernen müssen: dass Blasen, blaue Nägel und Schwielen keine Schande sind, sondern Nachrichten, und dass man Nachrichten liest, bevor sie laut werden.

Genau darin ist die Bühne ein guter Lehrmeister für uns alle. Denn was dort im Scheinwerferlicht geschieht, geschieht im Kleinen an jedem Werktag: Ihr Fuss trägt Sie durch Treppenhäuser und über Kopfsteinpflaster, er federt, dreht und fängt, nur ohne Applaus. Die Achillessehne arbeitet im Alltag wie im Plié, das Fussgewölbe federt jede Landung, und die Haut antwortet auf Reibung hier wie dort mit denselben Mitteln.

Das Opernhaus pflegt seine Instrumente, seine Bühnenbilder und, mit eigener Sorgfalt, die Füsse seiner Compagnie. Wir finden: Dieselbe Sorgfalt steht jedem Menschen zu. Wenn Ihre Füsse Ihnen eine Nachricht schreiben, ob nach einer durchtanzten Nacht oder einem langen Arbeitstag, lesen wir sie gerne mit Ihnen, ohne Urteil und mit der Ruhe eines Hauses, das Füsse für Kunstwerke hält.