Bevor es Worte gab, gab es Schritte
In Laetoli in Tansania gingen vor 3,66 Millionen Jahren Vormenschen über frisch gefallene Vulkanasche. Regen machte die Asche zu Zement, und so blieben ihre Abdrücke erhalten: die berühmteste Fährte der Menschheitsgeschichte, rund 70 Abdrücke auf etwa 27 Metern, aufrecht gegangen auf zwei Beinen, lange bevor es unsere Gattung gab.
Entdeckt wurde die Fundstelle 1976 vom Team der Archäologin Mary Leakey, die Fährte selbst 1978. Bis heute zählt man dort die Spuren von bis zu fünf Individuen, vermutlich Australopithecus afarensis, der Art des berühmten Skeletts Lucy. Der aufrechte Gang ist damit Millionen Jahre älter als jedes Werkzeug aus Metall, jede Schrift und jede Stadt.
Ein Schuh, 5'500 Jahre alt
In einer Höhle im Süden Armeniens fanden Archäologen 2008 unter Schafmist und Gräsern einen Schuh: gefertigt aus einem einzigen Stück Rindsleder, vorne und hinten geschnürt, 24,5 Zentimeter lang, was heute etwa Grösse 37 wäre. Die Radiokarbon-Datierung ergab ein Alter von rund 5'500 Jahren, um 3500 vor Christus. Es ist der älteste bekannte Lederschuh der Welt.
Er war mit losem Gras ausgestopft, wohl damit er die Form behielt. Und er sass am rechten Fuss. Wer ihn trug, wissen wir nicht, aber die kühle, trockene Höhle bewahrte ihn so gut, dass die Schnürung bis heute hält. Noch ältere Funde sind Sandalen aus Pflanzenfasern, rund 10'000 Jahre alt, aus Fort Rock in Oregon.
Der Mann aus dem Eis trug gute Schuhe
Als man 1991 in den Ötztaler Alpen die Gletschermumie Ötzi fand, trug der Mann aus der Zeit um 3300 vor Christus durchdachte Bergschuhe: Sohlen aus Bärenfell, Schäfte aus Hirschleder, innen ein geknüpftes Netz aus Lindenbast, das ein Polster aus Heu an Ort und Stelle hielt. Genäht mit Sehnen und Bast.
Der tschechische Schuhforscher Petr Hlaváček baute sie originalgetreu nach und kam ins Schwärmen: wasserdicht, warm, erstaunlich bequem. Einer seiner Tester erklärte, damit könne er jeden Berg Europas besteigen. Schon vor über 5'000 Jahren wusste man in den Alpen, was Füsse im Gebirge brauchen.
Der Palast leistete sich Fusspfleger
Im Grab von Nianchchnum und Chnumhotep in Saqqara, errichtet um 2400 vor Christus, zeigt ein Relief neben Barbieren auch Männer bei der Hand- und Fusspflege: eine der ältesten bekannten Darstellungen dieses Handwerks. Beide Grabherren trugen denselben Titel, Vorsteher der Handpfleger des Palastes.
Fusspflege war am Hof des Pharaos also nicht Nebensache, sondern ein Amt mit eigener Aufsicht. Wer barfuss oder in Sandalen durch Sand und Hitze geht, weiss warum: Die Haut leistet Schwerstarbeit, damals wie heute.
Ein Imperium, zu Fuss erobert
Roms Legionäre trugen Caligae: schwere Sandalenstiefel aus Leder, deren Sohlen mit Dutzenden von Eisennägeln beschlagen waren, das Profil der Antike. Der Militärschriftsteller Vegetius überliefert das Trainingsmass: 20 römische Meilen, rund 30 Kilometer, in fünf Sommerstunden, mit gegen 20 Kilogramm Gepäck. Die Soldaten nannte man schlicht caligati, die Gestiefelten, und ein Kaiser trägt bis heute einen Schuhnamen: Caligula, das Stiefelchen.
Ohne gesunde Füsse kein Imperium. Was Rom mit Nägeln löste, lösen wir heute mit Dämpfung und Passform, das Prinzip ist geblieben: Wer weit gehen will, braucht das richtige Schuhwerk und gepflegte Füsse.
Der Schnabelschuh, ein schöner Fehler
Im 14. und 15. Jahrhundert wuchsen die Schuhspitzen Europas ins Absurde: Poulaines, Schnabelschuhe, deren Schnäbel mit Moos oder Werg gestopft wurden. 1463 setzte König Edward IV. von England eine Grenze, wer nicht Lord war, durfte höchstens zwei Zoll Spitze tragen. Mode als Standesfrage, per Gesetz.
Was die Eleganz kostete, zeigt eine Studie der Universität Cambridge an 177 mittelalterlichen Skeletten: Im 11. bis 13. Jahrhundert hatten 6 Prozent einen Hallux valgus, den schiefen Grosszeh. Im 14. und 15. Jahrhundert, zur Hochzeit des Schnabelschuhs, waren es 27 Prozent, und die Betroffenen über 45 brachen sich messbar häufiger die Knochen, weil der verformte Zeh das Gleichgewicht kostet. Die Mode formte die Füsse, im Wortsinn.
Der Absatz kam zu Pferd
Der Absatz wurde nicht für Eleganz erfunden, sondern fürs Reiten: In Persien gab er dem Fuss Halt im Steigbügel. Nach einer persischen Gesandtschaft um 1599 übernahmen europäische Adelsmänner den Reiterabsatz als Zeichen von Rang, und am Hof des Sonnenkönigs wurde er Politik: Ludwig XIV. behielt die roten Absätze, die talons rouges, ab den frühen 1670er Jahren seinem Hof vor. Rot am Absatz hiess: Zutritt zu Versailles.
Absätze waren also zuerst Männersache. Erst um 1730 verschwanden sie aus der Männermode, und die Damenwelt behielt, was die Kavallerie erfunden hatte. Was hohe Absätze mit Ballen, Zehen und Wade machen, gehört heute zum Alltagswissen der Podologie.
Vom Hühneraugen-Schneider zur stillen Kunst
1785 taucht in London erstmals das Wort Chiropodist auf, im Traktat Chiropodologia von D. Low. Der Engländer Lewis Durlacher, Fusspfleger dreier britischer Monarchen, schrieb 1845 das erste umfassende Fachbuch und kämpfte für einen geregelten, seriösen Berufsstand, weg vom Jahrmarkt, hin zur Medizin.
Am schönsten zeigt sich der Wandel am Schauplatz: Einst rief der Hühneraugen-Schneider auf dem Jahrmarkt aus, umringt von Schaulustigen, und sein Können mass sich am Tempo. Heute geschieht dieselbe Arbeit hinter einer ruhigen Tür, mit Termin, sterilen Instrumenten und Zeit zum Zuhören: Aus der Vorführung von einst ist Vertrauensarbeit geworden. Geblieben ist der Kern des Handwerks, zwei geübte Hände, ein wacher Blick und die Erfahrung, dass kein Fuss dem anderen gleicht.
Die Zukunft trägt keine Nägel mehr
Die jüngsten Säle der Galerie werden gerade erst gebaut. 2010 erhielt der erste Fusslaser gegen Nagelpilz die amerikanische Zulassung. 2016 kam in Schottland die Swift-Mikrowellentherapie gegen Warzen in die Praxen, ein Impuls von wenigen Sekunden, der das Immunsystem weckt. Und die 3D-Vermessung ersetzt zunehmend den Gipsabdruck von einst.
Das Haus am Zeltweg 74 führt diese Linie weiter, mit Mikrowellentherapie, Laser und Lichttherapie, vor allem aber mit dem, was sich seit Saqqara nicht verändert hat: zwei geübten Händen, einem geschulten Blick und Zeit für den Menschen auf dem Stuhl. Werkzeuge wechseln. Die Haltung bleibt.
Der nächste Schritt gehört Ihnen
3,66 Millionen Jahre führen bis vor diese Tür. Von der Vulkanasche von Laetoli bis zum Behandlungsstuhl am Zeltweg ist es eine einzige, ununterbrochene Spur, und Ihre Füsse tragen sie weiter, jeden Tag rund um 7'000 Schritte weit.