Die Ganggeschwindigkeit ist das Tempo, in dem ein Mensch ohne Eile und ohne Aufforderung zur Eile geht. Sie klingt nach einer Nebensächlichkeit und ist doch eines der aussagekräftigsten Mittel der Altersmedizin: Weil Gehen Herz, Kreislauf, Muskeln, Nerven, Gleichgewicht und Füsse gleichzeitig fordert, schlägt sich jede Schwäche in einem dieser Systeme im Tempo nieder, oft lange bevor eine Diagnose gestellt wird. Manche Fachleute nennen das Gehtempo deshalb den sechsten Vitalwert, neben Puls, Blutdruck, Atmung, Temperatur und Schmerz.
Im Alltag der Geriatrie genügt eine kurze, gerade Strecke von vier oder zehn Metern: Die Person geht in ihrem gewohnten Tempo, gestoppt wird die mittlere Strecke ohne Beschleunigen und Abbremsen. Gesunde Erwachsene gehen gewohnt etwa 1,2 bis 1,4 Meter pro Sekunde; in der Altersmedizin wird ein Tempo um 0,8 Meter pro Sekunde häufig als Grenzbereich genannt, unterhalb dessen genauer hingeschaut wird. Diese Werte sind Orientierung und Forschungsgrösse, keine Diagnose. Wearables und Telefone schätzen Schritte und Distanz, messen aber kein sauberes Gehtempo; sie zeigen Verläufe, nicht Befunde (siehe Aktivitätstracking).
Eine grosse Sammelauswertung im Fachblatt JAMA mit 34 485 älteren Menschen fand über neun Studien hinweg einen engen Zusammenhang zwischen gewohntem Gehtempo und Lebenserwartung. Der Grund ist nicht das Gehen selbst, sondern was es voraussetzt: Ein Schritt verlangt Kraft, Koordination, Gleichgewicht, Wahrnehmung aus der Fusssohle und ein Herz-Kreislauf-System, das mitkommt. Fällt eines davon aus, wird der Gang langsamer, kürzer oder unsicherer.
Sehr viel, und meist übersehen: Wer wegen einer Druckstelle, eines eingewachsenen Nagels oder einer schmerzenden Ferse anders auftritt, geht langsamer und weniger. Weniger Gehen bedeutet weniger Kraft und schlechteres Gleichgewicht, was wiederum das Sturzrisiko erhöht. Dieser leise Kreislauf beginnt oft mit einer Kleinigkeit am Fuss, die sich in zwanzig Minuten behandeln liesse. Deshalb ist podologische Behandlung im Kern Instandhaltung der Beweglichkeit, und deshalb interessiert uns, wie viel jemand zwischen zwei Terminen tatsächlich geht (R1 Movement).
Das Gehtempo verändert sich oft Jahre vor einer Diagnose. In Untersuchungen liess sich an einer Verlangsamung von wenigen Zentimetern pro Sekunde pro Jahr ablesen, dass sich etwas verändert, lange bevor es jemandem auffiel. Eine Uhr und vier Meter Flur genügen für diese Messung.
Wie schnell sollte ich gehen?
Kann ich meine Ganggeschwindigkeit selbst bestimmen?
- Studenski et al.: «Gait Speed and Survival in Older Adults», JAMA 2011
- Paluch et al.: «Daily steps and all-cause mortality», The Lancet Public Health 2022
- Weltgesundheitsorganisation WHO: Faktenblatt «Falls»
- Hottinger Podologie: Fuss-Longevity, wer gut zu Fuss ist, bleibt frei
- Hottinger Podologie: Quellen & Leitlinien des Zentrums
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